Deutschland ist Selenmangelland – therapeutischer Einsatz von Selen gewinnt an Bedeutung

Die Erforschung von Wirkmechanismen und klinischer Relevanz des Spurenelements Selen hat fundierte Anwendungsgrundlagen geliefert, aus denen sich konkrete Empfehlungen für die Praxis ableiten lassen. Zu diesem Ergebnis kam eine Gruppe von fünf Experten, die anlässlich eines Konsensusgesprächs in Hamburg die Studienlage und praktische Aspekte dieses Themas diskutierten.

Die positive Wirkung einer Substitution von Selen ist insbesondere für die Krebstherapie und bei entzündlichen Schilddrüsenerkrankungen inzwischen wissenschaftlich erforscht und belegt. Vielversprechende Ansätze gibt es außerdem im Bereich der Herz-Kreislauf-Prävention. Darüber waren sich Dr. Martin Adler, Prof. Stefan Blankenberg, Uwe Gröber, Prof. George J. Kahaly und Dr. Stephan Wey einig.

„Die Ackerböden in Deutschland sind, verglichen etwa mit den USA, extrem selenarm. Entsprechend können Pflanzen und Tiere nur wenig Selen aufnehmen. So ist auch die Aufnahme von ausreichend Selen durch den Verzehr einheimischer Produkte kaum möglich“, erläuterte Uwe Gröber, Pharmazeut aus Essen. Insbesondere Menschen mit Selen-konsumierenden Erkrankungen entwickeln schnell einen Selenmangel. Der Leiter der Akademie für Mikronährstoffmedizin sieht einen Spiegel von 130-140 µg/l im Vollblut und 95-100 µg/l im Blutplasma als ausreichend an. Die jüngst nach Herausgreifen eines Teilbereichs einer Studie mit Selen bei Hautkrebs aufgeworfene Annahme, dass Selen das Diabetesrisiko erhöht, hält er – wie die anderen Experten auch – für unbegründet. Vielmehr sei die Bauchspeicheldrüse auf eine ausreichende Selenversorgung angewiesen und die Insulinsekretion der Langerhans-Zellen lasse sich in vitro durch Selen dosisabhängig regulieren.

Für ausreichend hohe Selendosen im Krankheitsfall plädierte auch Dr. Martin Adler, Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren sowie Lehrbeauftragter der Universität Münster. Bei chronisch-entzündlichen Prozessen und Krebserkrankungen verbraucht der Körper deutlich mehr Selen. Basierend auf den Erkenntnissen zweier Praxisstudien empfiehlt Adler zu Therapiebeginn eine Gabe von 600 bis 900 µg Natriumselenit, um den Selenspiegel im Plasma auf mindestens 100 µg/l anzuheben. „Wir haben keine Nebenwirkungen gesehen. Bei einem Krankheitsprozess, der Selen verbraucht, ist diese Dosierung unbedenklich“, erklärte Adler. Trotzdem sollten die Werte bei einer solchen Dosierung alle vier Wochen kontrolliert werden. Bei Dosierungen bis 300 µg ist eine solch engmaschige Kontrolle nicht erforderlich.

Als überaus erfolgreich hat sich die Gabe von Natriumselenit bei der Strahlen- und Chemotherapie erwiesen. Dr. Stephan Wey, Facharzt für innere Medizin und Naturheilverfahren mit einer Schwerpunktpraxis für komplementäre Onkologie, erläuterte, dass Selen dabei eine zellschützende und immunregulierende Wirkung hat. Außerdem wird durch Selen die Sensitivität von Tumorzellen für Strahlen und die meisten Zytostatika im Tierversuch nachweislich erhöht. Gleichzeitig konnten die Nebenwirkungen der Therapien verringert werden. Unter anderem Mamma- und Bronchialkarzinome, kolorektale, gastrointestinale, gynäkologische Tumoren sowie Prostatakrebs und maligne Lymphome werden mit einem Selenmangel in Zusammenhang gebracht.

Professor George J. Kahaly, Oberarzt mit Schwerpunkt Endokrinologie der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik des Klinikums der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, zeigte, dass bei einer Hashimoto-Thyreoiditis die Gabe von Selen zu einer Senkung des Antikörper-Titers und einer Verbesserung des Allgemeinbefindens führt. Ebenso deuten laut Kahaly erste Studien darauf hin, dass auch Patienten mit Morbus Basedow von einer Selensubstitution profitieren können. Hier ist vor allem der positive Einfluss auf die Entstehung bzw. das Fortschreiten einer endokrinen Orbitopathie zu nennen.

Vom aktuellen Forschungsstand der Korrelation von KHK-Mortalität und Selenversorgung berichtete Professor Stefan Blankenberg, Oberarzt und stellvertretender Direktor der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik des Klinikums der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im Rahmen der Mainzer AtheroGene-Studie wurde der Nutzen einer Selensubstitution nach einem Herzinfarkt untersucht. Hier zeigte sich, dass Patienten mit einem niedrigen Selenspiegel und akutem Koronarsyndrom eine schlechte Prognose hatten. Selen steigert die Aktivität der Glutathionperoxidase, die schädliches Wasserstoffperoxid abbaut. „Damit werden alle Risikofaktoren abgeschwächt, die über die Glutathionperoxidase wirken“, so Blankenberg.

Die Experten stimmten überein, dass die Therapie mit modernen Natriumselenit-Präparaten (z.B. selen-loges®) sicher ist. Der Selenspiegel im Serum sollte neuen Erkenntnissen folgend auf 120 µg/l angehoben werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.