Fruktosezufuhr als Ursache von Übergewicht nicht belegt

Eine wissenschaftliche Auswertung relevanter Forschungsergebnisse findet keinen Beleg für die Vermutung, zwischen der Zufuhr von Fruktose (Fruchtzucker) und der Entstehung von Übergewicht bestünde ein Zusammenhang. Professor Dr. Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München, konstatiert in seinem Beitrag vielmehr positive Effekte einer durchschnittlich üblichen Zufuhrmenge an Fruktose auf den Stoffwechsel [1]. Weitere Forschung mit über Jahre hinweg angelegten Studien sei notwendig, um mögliche Zusammenhänge zwischen einem langfristig hohen Fruktosekonsum und der Gewichtsentwicklung zu klären.

In einem Ende September 2009 veröffentlichten wissenschaftlichen Beitrag kommt Professor Dr. Hans Hauner angesichts der existierenden Datenlage zu dem Schluss, es sei keineswegs belegt, dass Fruktose eine besondere Rolle bei der Entstehung von Übergewicht spiele. Im Gegenteil: Eine moderate Fruktosezufuhr zeige positive Effekte auf den Stoffwechsel. So wirke sich eine Zufuhr von bis zu 90 Gramm Fruktose pro Tag positiv auf den HbA1c-Wert – einen Marker für den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel – aus. Bei einem täglichen Konsum von bis zu 100 Gramm Fruktose hätten sich keine Auswirkungen auf das Körpergewicht und bei Erwachsenen kein Einfluss auf Blutfettwerte im Nüchternzustand feststellen lassen.

Zwar gibt es für Deutschland keine exakten Erhebungen der durchschnittlich konsumierten Fruktosemenge, Hauners’ Schätzungen zufolge dürfte sie aber zwischen 35 und 50 Gramm pro Tag liegen und damit um etwa ein Drittel niedriger als in den USA. Auch der Konsum so genannter Diabetiker-Lebensmittel, in denen Fruktose als Zuckeraustauschstoff dient, dürfte in diesem Zusammenhang eine nur untergeordnete Rolle spielen und nicht zu einer Zufuhrmenge führen, die als hoch einzuschätzen ist. Angesichts der derzeitigen Erkenntnisse gibt es laut Hauner keinerlei Anlass anzunehmen, dass Fruktosezufuhr und Gewichtszunahme etwas miteinander zu tun haben.

Nachdem US-Wissenschaftler im Jahr 2004 in einem Beitrag im renommierten American Journal Clinical Nutrition die Vermutung äußerten, der laut Statistik steigende Konsum von Fruktose aus dem zum Süßen verwendeten Maissirup High Fructose Corn Syrup (HFCS) könnte mit der zunehmenden Anzahl Übergewichtiger zu tun haben, waren nicht nur in der amerikanischen Öffentlichkeit, sondern auch in Deutschland kontroverse Diskussionen entbrannt. Als Forscher in den Jahren danach die möglichen Folgen der Aufnahme extremer Mengen Fruktose unter die Lupe nahmen und sich auch im Tierversuch einige der Vermutungen bestätigten, schien mit dem Fruktosekonsum eine Ursache für die Entstehung von Übergewicht identifiziert zu sein.

In einem kürzlich veröffentlichten Exklusivinterview gibt nun aber auch einer der drei Autoren des Beitrags im American Journal Clinical Nutrition – Professor Barry Popkin – bekannt, dass sich die seinerzeit geäußerte Vermutung nicht bestätigt habe: High Fructose Corn Syrup (HFCS), so Popkin, sei nicht zu den Hauptschuldigen an der Übergewichtsepidemie zu zählen.

Sowohl Popkin als auch Hauner mahnen hingegen eine Reduzierung des insbesondere bei jüngeren Menschen zunehmenden Konsums zuckerhaltiger Getränke, auch von Fruchtsäften, an. Die Wissenschaftler schätzen die damit verbundene hohe Energieaufnahme als bedenklich ein. Es gilt aber – wie auch im Fall der Fruktose – zu berücksichtigen, dass bei der Entstehung von Übergewicht vielfältige Einflussfaktoren eine Rolle spielen. Es ist in Expertenkreisen heute anerkannt, dass diese Einflüsse von mangelnder körperlicher Bewegung und dem Ernährungsverhalten über die Veranlagung und die Stoffwechsel¬prägung im Mutterleib bis hin zum sozialen Umfeld und anderen psychosozialen Aspekten reichen.

Bei einem derart komplexen Ursachengeflecht kann nicht allein die Ernährung und können schon gar nicht der Konsum einzelner Lebensmittelgruppen und einzelner Nährstoffe für die Entstehung von Übergewicht verantwortlich gemacht werden. Eine wirksame Vorbeugung und Behandlung von Übergewicht muss der Komplexität der Ursachen gerecht werden. Sie darf sich nicht auf die Ernährung beschränken. Einseitige Verbotsstrategien, die damit häufig einhergehen, haben sich laut Hauner als unwirksam – ja kontraproduktiv – erwiesen, und sollten endlich in aller Köpfe einer umsichtigen und der Komplexität der Übergewichtsproblematik entsprechenden Handlungsweise weichen.

[1] Hauner, H. (2009): Fruktosezufuhr als Ursache von Übergewicht nicht belegt. In: Moderne Ernährung heute. Wissenschaftlicher Pressedienst 2/2009, Hrsg. Matissek, R. Lebensmittelchemisches Institut (LCI) des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie, Köln

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