Anton S., 67 Jahre alt, hat Glück gehabt. Er hatte in seinem Berufsleben als Chef eines kleinen Unternehmens viel gearbeitet, viel geraucht und keine Zeit für eine ausgewogene Ernährung und körperliche Bewegung gehabt. Eines Tages erlitt er einen Herzinfarkt. Die rasche Einlieferung ins Krankenhaus und eine sofortige Behandlung mit einem Herzkatheter rettete sein Leben.

Eine umfassende Gefäßuntersuchung in der Klinik ergab, dass er seit etlichen Jahren stark verkalkte Gefäße in den Unterschenkeln hat. Diese Form der Arteriosklerose nennt man periphere arterielle Verschlusskrankheit, kurz PAVK oder im Volksmund „Schaufensterkrankheit“. Diese war jedoch nie angemessen behandelt worden. Der Hausarzt hatte Anton S. mit seinen gelegentlichen Beinschmerzen zunächst zum Orthopäden geschickt. Orthopädische Einlagen und Rückengymnastik halfen etwas, aber so ganz gingen die Beschwerden in den Beinen nie weg. Schließlich stellte der Hausarzt Durchblutungsstörungen fest, verordnete Anton S. jedoch lediglich viel Bewegung.

Dabei sind so genannte Thrombozytenfunktionshemmer ein Muss in jedem Stadium der PAVK. Sie verhindern, dass die Blutplättchen (Thrombozyten) im Gefäß zum Gerinnsel verklumpen und zum Gefäßverschluss in den Beinen, im Herzen oder im Gehirn führen. Die medikamentöse Behandlung und eine Veränderung seiner ungesunden Lebensgewohnheiten hätte den Unternehmer mit großer Wahrscheinlichkeit vor dem lebensgefährlichen Herzinfarkt bewahrt.

Anton S. ist kein Einzelfall: Etwa ein Fünftel der über 65-Jährigen in Deutschland leiden an einer PAVK, oft unerkannt. Diese Patienten haben ein doppelt so hohes Risiko, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden wie gleichaltrige Gesunde. Aber auch im Vergleich zu anderen Herz-Kreislauferkrankten haben sie das höchste Sterberisiko. Mehr als 18 von hundert PAVK-Patienten gegenüber 15 von hundert Herz- und Schlaganfallpatienten pro Jahr müssen mit einer Herz-Kreislauferkrankung ins Krankenhaus und 24 von 1000 PAVK-Patienten gegenüber 18 der Herz- und Schlaganfallpatienten sterben jedes Jahr durch einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. (REACH-Register).

Das soll sich jetzt durch eine neue Leitlinie ändern, die unter Federführung der DGA gemeinsam mit anderen Fachgesellschaften erarbeitet wurde. Seit kurzem ist sie auf der Website der DGA und der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Fachgesellschaften (AWMF) für jeden Interessierten nachzulesen. Die „S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK)“ betont in ihrem Eingangskapitel, dass die PAVK als Hinweis auf Verkalkungen und Gefäßverengungen im gesamten Körper des Betroffenen, also auch in Herz- und Hirnarterien, verstanden werden muss. Mehr als 60 Prozent aller PAVK-Patienten haben Gefäßverengungen auch in anderen Gefäßgebieten. Deshalb müssen Durchblutungsstörungen im Bein-Beckenbereich genauso ernst genommen und behandelt werden wie im Herz- oder Hirnbereich.

Dringend empfohlen wird in der Leitlinie auch, dass bei dem geringsten Verdacht auf Durchblutungsstörungen zur Diagnose eine so genannte Dopplerdruckmessung gemacht wird. Gemessen wird der Blutdruck an Oberarmen und Fußknöcheln mit einer Blutdruckmanschette und einer Dopplersonde. Anhand der Blutdruckwerte bestimmt der Arzt den Knöchel-Arm-Index. Diese einfache, kostengünstige und schmerzfreie Dopplerdruckmessung ist so treffsicher, dass sie sogar eine PAVK beweist, wenn noch keine Beschwerden vorliegen.

Die DGA setzt sich dafür ein, dass bei Patienten über 50 Jahren die Dopplerdruckmessung zur Standarduntersuchung beim Hausarzt gehört. Bisher kann der Hausarzt diese Untersuchung jedoch nicht abrechnen und führt sie deshalb auch meist nicht durch. „Das ist gesundheitspolitisch unverständlich und gegenüber den Patienten nicht zu verantworten, “ unterstreicht der DGA-Präsident Prof. Dr. Karl-Ludwig Schulte aus Berlin.

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