Papa, lies mir vor! Vorlesen unterstützt Kinder in ihrer Entwicklung

Am 15. November findet zum elften Mal der bundesweite Vorlesetag statt und rückt das Vorlesen in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Warum das Vorlesen für Kinder ein unverzichtbarer Impuls für die sprachliche, intellektuelle, emotionale und musische Entwicklung ist, erläutert die Logopädin Sonja Utikal vom Deutschen Bundesverband für Logopädie e.V. (dbl).

Welche Bedeutung hat das Vorlesen für die kindliche Entwicklung?

Utikal: Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Vorlesen für Kinder zahlreiche Vorteile bringt. Es wirkt sich langfristig positiv auf das spätere Leseverhalten, die Mediennutzung, den Schulerfolg und auch auf das Freizeitverhalten aus. Nicht zuletzt stärkt die Vorlesesituation in den Familien den emotionalen Kontakt zwischen Eltern und Kindern. Damit ist das Vorlesen eine besonders nachhaltige Investition in die gesamte kindliche Entwicklung.

Kann Vorlesen auch die Sprachentwicklung von Kindern unterstützen?

Utikal: Es ist erwiesen, dass gesunde Kinder, die in ihrer sprachlichen Entwicklung hinterherhinken, ihren Rückstand durch häufiges Vorlesen in kurzer Zeit verkleinern oder aufholen können. Dies gilt besonders, wenn beim Vorlesen das Gespräch mit dem Kind gesucht wird (sogenanntes „Dialogisches Lesen“). Die Fortschritte zeigen sich sowohl beim Wortschatz als auch in der Grammatik und in der allgemeinen sprachlichen Ausdrucksfähigkeit.

Wer liest in Deutschland Kindern vor?

Utikal: Zwei Dritteln der Kinder wird in Kindergärten oder Kitas vorgelesen, wie die Lesestudie 2013 zeigt. In den Familien sind es meist die Mütter, die in die Rolle der Vorleserin schlüpfen. Aber auch Väter spielen hier zunehmend eine Rolle. Dies ist auch wichtig, denn vor allem Jungen können ganz besonders vom regelmäßigen Vorlesen profitieren.

Warum ist Vorlesen besonders für Jungen so wichtig?

Utikal: Jungen hinken in der Sprachentwicklung Mädchen häufig hinterher. Studien belegen, dass sie im Schulalter im Allgemeinen langsamer, weniger und schlechter lesen als Mädchen. Und sie haben weniger Spaß daran. Deshalb ist es besonders wichtig, die Sprachentwicklung und die Leselust der Jungen durch frühes und jungengerechtes Vorlesen zu unterstützen. Dazu gehört auch, dass das Lesen nicht als „Mädchenkram“ abgetan wird. Väter, die (vor-)lesen, können hier Zeichen setzen und ihren Söhnen zeigen: Lesen ist auch Männersache – genauso wie das gemeinsame Fußballspiel!

Wie kann man Jungen für das Lesen begeistern?

Utikal: Jungen haben andere Ansprüche an das Lesen als Mädchen. Sie wollen Abenteuer erleben, sich entspannen oder Interessantes über ihre Hobbys und Vorbilder, beispielsweise im Sport, erfahren. Es geht darum, ihre Leselust durch passende Themen zu wecken. Ihre Interessen, Erfahrungen, Vorlieben und ihr Wissen sollten in der Lektüre aufgegriffen werden. Die richtige Auswahl des Buches ist damit, neben dem Rollenvorbild der Väter, ein entscheidendes Kriterium.

Wie finden Väter die richtige Lektüre für ihre Söhne?

Utikal: Generell gilt, dass die Lektüre immer zum Alter und zu den Interessen des jeweiligen Kindes passen muss. Deshalb sollte man sich die Bücher genau anschauen, bevor man sie vorliest. Sind die Kinder noch sehr jung, spielen auch die Illustrationen eine wichtige Rolle. Das große Angebot an Büchern für Kinder und Jugendliche, 2013 waren es mehr als 8200 Titel, macht aber die Auswahl in der Tat schwierig. Im Internet gibt es spezielle Seiten, die hier durch Buchbesprechungen bei der Suche nach der passenden Lektüre hilfreich sind, beispielsweise die Websites „stiftunglesen.de“ oder „perlentaucher.de“.

Leave a Reply