Erlebnisse von Krieg und Gewalt gehen an Menschen häufig nicht spurlos vorbei. Sie stellen eine Herausforderung für Betroffene dar. Psyche und Körper versuchen sich durch unterschiedliche Reaktionen an die neue Situation anzupassen. Diese Reaktionen sind der Versuch mit einer außergewöhnlich hohen Belastung umzugehen. Experten der Oberberg Kliniken informieren, welche Reaktionen nach Erlebnissen von Krieg, Gewalt oder anderen Traumata auftreten können.

Jeder Mensch reagiert auf Krieg, Gewalt oder ein anderes Trauma auf seine eigene Art und Weise. Aber es gibt einige typische Reaktionen, die die Experten im Folgenden vorstellen. Wer selbst betroffen ist, wird vielleicht feststellen, dass er einige dieser Reaktionen selbst hatte oder noch hat. Andere werden jedoch vielleicht nicht zutreffen. Zudem können diese entweder kurz nach dem Ereignis, aber auch erst nach längerer Zeit auftreten. Zu möglichen Reaktionen zählen:

Reaktionen im Denken und Erinnern

Ungewollte Erinnerungen: Das traumatische Geschehen kann in belastenden Erinnerungen oder Bildern wiedererlebt werden. Dabei treten häufig sehr lebhafte Erinnerungen auf, zum Beispiel Bilder, Geräusche oder Gerüche. Manchmal können diese Erinnerung die Form von Flashbacks haben, das heißt diese Erinnerungen sind so real, dass Betroffene wieder genauso fühlen oder handeln als wären sie erneut in der Situation.

Dissoziative Zustände: Bei traumatisierten Menschen kann es zu Zuständen kommen, in denen sie erstarren, geistig abwesend und manchmal auch nicht mehr ansprechbar sind. Als direkte Folge auf ein Trauma können solche Zustände eventuell sogar hilfreich sein und dabei helfen eine Reizüberflutung zu verhindern.

Reaktion auf Hinweisreize: Bestimmte Bilder, Gerüche, Geräusche oder andere Hinweisreize können starke psychische Belastung, starke körperliche Reaktionen oder auch das Wiedererleben der traumatischen Erlebnisse auslösen.

Alpträume: Es kann zu Alpträumen kommen, in denen die traumatischen Geschehnisse wieder auftauchen.

Erinnerungslücken: Es kann zu Erinnerungslücken bezogen auf das Trauma oder mit dem Trauma verbundenen Bereichen kommen.

Reaktionen des Körpers

Übererregung: Als Folge des Traumas kann es zu einer Übererregung kommen. Diese kann sich in Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Herzrasen, erhöhter Schreckhaftigkeit und Reizbarkeit äußern.

Körperliche Beschwerden: Allgemeine körperliche Symptome wie Schmerzen, Übelkeit, Erschöpfung können Folgen der Traumatisierung sein.

Reaktionen auf Ebene der Gefühle

Auf Gefühle bezogene Beschwerden: Es können zum Teil starke Gefühle von Hoffnungslosigkeit, Niedergeschlagenheit, aber auch Gereiztheit oder Wut auftreten, ebenso die Unfähigkeit, positive Gefühle zu empfinden. Auch die Beziehungen zu anderen Menschen können beeinträchtigt sein.

Die Zeit, die Betroffene für die Erholung von einem traumatischen Ereignis benötigen, ist sehr unterschiedlich. Die meisten Menschen erleben nach einem Trauma für einige Tage, Wochen oder sogar Monate zumindest einige dieser Reaktionen. „Dies ist völlig normal und verständlich und kann als Zeichen dafür verstanden werden, dass Körper und Psyche mit der Verarbeitung des Traumas beschäftigt sind“, sagt Dr. med. Tobias Freyer. „Wenn diese Reaktionen jedoch sehr lange anhalten oder sehr beeinträchtigend sind, ist eine psychotherapeutische Behandlung zu empfehlen“.

Hilfreiche Maßnahmen nach einer Traumatisierung

„Die Vermittlung von Sicherheit, Struktur und Kontrolle kann helfen. Machen Sie sich bewusst, dass starke Reaktionen auf traumatische Erlebnisse normal sind“, erklärt der Experte. „Wenn Sie vor Kurzem eines oder mehrere traumatische Erlebnisse erlebt haben, sind die beschriebenen Reaktionen häufig und verständlich. Sie sind eine Folge davon, dass Sie ein extremes und entsetzliches Ereignis erlebt haben.“

Unterstützung durch Mitmenschen: Menschen sind soziale Wesen. Die Gesellschaft anderer Menschen und die Unterstützung durch andere Menschen kann nach dem Erleben eines Traumas hilfreich sein. „Wir wissen, dass soziale Unterstützung und der Austausch mit anderen Menschen die Erholung von traumatischen Erlebnissen verbessern kann“, so PD Dr. phil. Lars P. Hölzel. „Da jeder Mensch anders ist, ist es wichtig, wenn Sie den Menschen in Ihrem Umfeld mitteilen, was Sie von Ihnen brauchen und was für Sie persönlich am hilfreichsten ist. Auch Gespräche mit verständnisvollen Menschen über Ihre Empfindungen und Bedürfnisse in Folge der Traumatisierung können helfen.“

Aufrechterhalten einer Tagesstruktur: In Folge einer Traumatisierung kann es hilfreich sein, die gewohnte Tagesstruktur aufrecht zu erhalten. Eine feste Tagesstruktur kann Halt und Orientierung vermitteln.

Zeitlicher und räumlicher Abstand: Traumatisches Erleben kann sich so anfühlen, als würde man sich noch immer in dieser Situation befinden, selbst wenn man sich inzwischen ganz wo anders befindet und das Erlebte schon längst vergangen ist. Es kann hilfreich sein, sich immer wieder klarzumachen, dass das Trauma vorbei ist und wo und in welcher Situation man sich befindet. „Machen Sie sich bewusst, dass die Situation vorbei ist und dass Sie überlebt haben“, lautet die Empfehlung. Die Fragen „Wo bin ich gerade?“ und „Welches Datum ist heute?“ können helfen, sich bewusst zu machen, dass man nicht mehr in der traumatischen Situation ist.

Für sich sorgen und angenehme Aktivitäten durchführen: „Versuchen Sie, bewusst für sich selbst zu sorgen. Beobachten Sie, was Ihnen guttut und planen Sie dies – so gut es geht – in Ihren Alltag ein.“ Es kann auch helfen, ganz bewusst, angenehme Aktivitäten durchzuführen. Sie können von dem Erlebten vorübergehend ablenken und helfen, die Aufmerksamkeit auf gewohnte und positive Dinge zu richten.

Bewältigbare Aufgaben ausführen: Das Ausführen bewältigbarer Aufgaben kann helfen, da es Orientierung und ein Gefühl der Kontrolle zurückgibt. Betroffene können sich zudem als selbstwirksam erleben: „Ich habe etwas geschafft.“

Pausenzeiten einplanen: Bei der Ausführung von Aufgaben sollten immer wieder Pausenzeiten eingeplant werden, um zur Ruhe zu kommen.

Entspannung: Phasen der Entspannung können ebenfalls hilfreich sein. Ob Entspannungsübungen hilfreich sind oder nicht, hängt stark von der jeweiligen Person und der Art des Traumas ab. Für viele Menschen sind eher aktive Formen der Entspannung hilfreich, bei der die Umgebung besonders aufmerksam wahrgenommen wird.

Naturerleben: Für viele Menschen bietet die Natur eine wichtige Ressource. Das bewusste Naturerlebnis kann helfen, zur Ruhe zu kommen und Geschehnisse zu verarbeiten. Es gibt Berichte von Traumatisierten, denen gerade die Bewegung in der Natur geholfen hat mit ihren Erlebnissen umzugehen.

Ausreichend und regelmäßig Schlafen, Essen, Trinken: Schlafen, Essen und Trinken sind wichtige Grundbedürfnisse des Menschen. Sie stellen eine Grundlage dar, die bei der Bewältigung einer Traumatisierung hilfreich ist.

Tagebuch schreiben: Das Aufschreiben von Erlebnissen kann helfen, Erlebtes zu sortieren und zu verarbeiten. Für manche Menschen ist diese Form der Verarbeitung besonders hilfreich, aber auch hier reagieren Menschen sehr unterschiedlich. „Schreiben Sie nur, wenn Sie den Eindruck haben, dass es Ihnen gut tut und zwingen Sie sich nicht dazu, wenn Sie nicht den Eindruck haben.“

Ungünstige Verhaltensweisen nach einer Traumatisierung

Bei der Bewältigung von Traumata gibt es Verhaltensweisen, die einer Erholung von traumatischen Erlebnissen im Weg stehen können:

Extremes Vermeiden von Gesprächen über das traumatische Ereignis: In der direkten Folge eines Traumas kann es durchaus hilfreich sein, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen und dadurch einer Übererregung entgegenzuwirken. Längerfristig stellt eine extreme Vermeidung von Gesprächen über das traumatische Ereignis oder von Dingen, die mit dem Trauma verbunden sind, eine ungünstige Strategie dar. Sie kann einer Verarbeitung des Traumas entgegenwirken. Die Vermeidung kann unterschiedliche Formen annehmen:

  • Übermäßiges Fernsehen
  • Übermäßiges Computerspielen
  • sich überarbeiten
  • Alkohol- oder Drogenkonsum

Manche Betroffene fangen an übertriebene Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Auch dies stellt eine Form von Vermeidung dar und kann die Verarbeitung des Traumas verzögern. „Wenn Sie merken, dass Sie vermeiden oder übertriebene Sicherheitsvorkehrungen treffen, versuchen Sie, diese abzubauen und Ihr Leben zurückzuerobern“, empfehlen die Experten.

Alkohol oder Drogen: Alkohol oder andere Drogen sind keine hilfreichen Strategien, um traumatische Erlebnisse zu verarbeiten und helfen auch nicht der Psyche Stabilität zu geben. „Wenn Sie merken, dass Sie Alkohol oder andere Drogen nutzen, um mit traumatischen Erlebnissen umzugehen, reduzieren Sie die Einnahme. Alkohol oder Drogen können die Erholung verzögern.“

Dissoziative Zustände: Als direkte Antwort des Körpers und der Psyche auf ein Trauma können solche Zustände eventuell sogar hilfreich sein und dabei helfen, eine Reizüberflutung zu verhindern. Werden die Zustände als störend oder gar beängstigend erlebt, gibt es einige Techniken, die helfen, die Zustände zu verhindern oder zu beenden. Häufig hilft es schon mit dem eigenen Namen angesprochen zu werden. Auch andere Reize, wie etwas bewusst zu spüren oder zu betrachten, können helfen, dem Zustand entgegenzuwirken. Besonders hilfreich ist es bewusst nach oben zu schauen. Gerüche stellen eines der wirksamsten Mittel dar, um dissoziativen Zuständen entgegenzuwirken.

Sozialer Rückzug: Menschen sind soziale Wesen, die den Kontakt zu anderen Menschen brauchen. Der Rückzug aus sozialen Verbindungen kann das psychische Gleichgewicht eines Menschen negativ beeinflussen. Versuchen Sie deshalb soziale Kontakte beizubehalten.

Eigene Bedürfnisse nicht beachten: Ein positiver Umgang mit sich selbst und seinen Bedürfnissen kann dabei helfen, das psychische Gleichgewicht wieder zu erlangen.

Einstellen angenehmer Aktivitäten: Wenn angenehme und als positiv erlebte Aktivitäten aufgegeben werden, führt dies häufig zu einer Verschlechterung der Stimmung. Dies ist für die Verarbeitung eines Traumas ungünstig. Versuchen Sie deshalb bewusst angenehme Aktivitäten einzuplanen.

Die Art und Weise, wie ein Trauma verarbeitet wird, ist bei jedem anders.

„Die Verarbeitung einer Traumatisierung verläuft sehr unterschiedlich und braucht Zeit. Manche Menschen reagieren schon nach kurzer Zeit sehr stark auf das Trauma, andere scheinen davon kaum betroffen zu sein“, wissen die Experten der Oberberg Kliniken. „Bei manchen Menschen kommt es zu einer verzögerten Reaktion. Alle diese Reaktionen sind normale Antworten von Körper und Psyche auf ein Extremerlebnis.“ Sollte es zu einer starken Beeinträchtigung kommen und die Symptome auch nach mehreren Wochen nicht abnehmen, sollte eine diagnostische Abklärung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine Psychotherapeutin oder Psychotherapeuten erfolgen, lautet ihr Rat.

Der Text basiert auf der aktuellen S2-K-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen Psychischer Traumatisierung“. Redaktionell verantwortlich zeichnen PD Dr. phil. Lars P. Hölzel, Prof. Dr. Thomas Ehring und Dr. med. Tobias Freyer.

Die Informationen sind auf Deutsch, Englisch, Russisch und Ukrainisch auf https://www.oberbergkliniken.de/artikel/psychische-folgen-traumatischer-erlebnisse verfügbar.

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