Sehr viele Menschen mit einer Suchterkrankung leiden auch an einer allgemein-psychiatrischen Erkrankung. Das sind zum Beispiel Depression, Angststörung oder Schizophrenie. Die Kombination aus psychischer Erkrankung und Abhängigkeitserkrankung bezeichnet man auch mit den Begriffen Doppeldiagnose oder Komorbidität. „Doppeldiagnosen sind eine diagnostische und therapeutische Herausforderung. Betroffene benötigen dringend ein Behandlungs- und Therapieangebot, welches speziell darauf ausgerichtet ist“, weiß Suchtexperte Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Jähne. „Menschen mit psychischer Erkrankung und einer Suchterkrankung müssen gegen zwei Drachen zugleich kämpfen, das ist anstrengend und es kann länger dauern, bis sich der Erfolg einstellt. Aber auch das geht.“

Suchtmittel lindern oder unterdrücken Symptome einer psychischen Erkrankung – zumindest vorerst. Besonders dämpfende Mittel wie Alkohol, Benzodiazepine oder Opiate können Angstsymptome lindern, die Interesselosigkeit bei einer depressiven Erkrankung oder traumatische Erlebnisse verdrängen. Doch bald werden durch die Gewöhnung an das Suchtmittel immer höhere Dosierungen notwendig. Es entsteht ein Teufelskreis. Betroffene mit Suchterkrankung werden immer wieder auf das Suchtmittel ihrer Wahl zurückgreifen, wenn sie nicht im Rahmen einer Therapie eine Alternative kennenlernen.

Fazit des Suchtexperten Dr. med. Jähne: „Eine traditionelle Suchtbehandlung ist für Menschen mit Doppeldiagnose ungeeignet. Es reicht eben nicht nur die Abhängigkeitserkrankung zu behandeln, das ist meist nur die Oberfläche. Bleibt die zugrundeliegende psychische Erkrankung unbehandelt, ist die Rückfallgefahr ganz besonders groß. Andersherum, ohne Therapie der Sucht, kann sich die begleitende Erkrankung nicht stabilisieren und die Effektivität der Therapie verpufft.“

Vielen gelingt der Ausstieg aus ihrer Erkrankung nicht ohne professionelle Hilfe. Die Oberberg Kliniken, wie die beiden von Dr. Jähne geleiteten Oberberg Fachklinik Rhein-Jura und Oberberg Tagesklinik Lörrach, sind spezialisiert auf die Behandlung von Doppeldiagnosen.

An erster Stelle steht immer das persönliche Gespräch beim Hausarzt, in einer Suchtberatungsstelle oder mit unseren Ärztinnen oder Ärzten“, erklärt der Facharzt. „Zuerst muss geklärt werden, ob eine Abhängigkeitserkrankung vorliegt und der Wunsch besteht, durch eine gezielte Behandlung den Teufelskreis der Abhängigkeit zu durchbrechen.“ Dr. Jähne weiter: „Während der Akutbehandlung in der Suchtmedizin führen wir nicht nur den körperlichen Entzug fachgerecht durch, sondern stellen gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten die Weichen für weitere Maßnahmen. Die Entgiftung dauert in der Regel wenige Tage, mit entsprechender Medikation und Überwachung der Körperfunktionen.“ Das Therapieprogramm ist umfangreich. Von Einzel- und Gruppengesprächen über Entspannungsverfahren, kreative Angebote und Sport zum körperlichen Wiederaufbau bieten die Oberberg Kliniken auch vielfältige sozialtherapeutische Unterstützung.

Infokasten Komorbiditäten

Depression und Sucht: Depression und affektive Störungen lösen nicht selten eine Suchterkrankung aus, 16 Prozent der Betroffenen zeigen zuerst eine Depression und später eine Alkoholabhängigkeit, 7 Prozent eine andere Abhängigkeit (Grant 2004). Ebenso häufig kann eine Suchterkrankung in eine depressive Verstimmung führen, unter alkoholabhängigen Patienten zeigen 30 bis 40 Symptome einer Depression (Daeppen et al 2000). Die Störungen können vor der Suchterkrankung begonnen haben, im Verlauf hinzutreten oder erst im Entzug bzw. nach Absetzen des Mittels eine Rolle spielen. Was zuerst da war, spielt für die Therapie letztlich keine Rolle. Oft sind die Betroffenen so sehr durch die Depression beeinträchtigt, dass eine stationäre Behandlung notwendig ist.

ADHS und Sucht: Sucht bei ADHS ist ein bisher völlig unterschätztes Thema. Über die Hälfte aller an ADHS Erkrankten leiden an einer Suchterkrankung (Luderer 2019). In Suchtkliniken sind 30 Prozent der Klienten zuvor unerkannte ADHS-Patientinnen und -Patienten. Betroffene von ADHS sind prädestiniert zur Sucht: Sie sind ständig auf der Suche nach mehr, dem ständigen Glück, dem vollkommenen Leben. Sie fliehen vor Langeweile und innerer Leere, sie sind Getriebene mit unstetem Wesen. Sie brauchen immer einen starken Reiz oder eine starke Spannung, um sich wach zu fühlen. Nicht selten war bereits die Kindheit geprägt von Niederlagen, Frustration und Ablehnung. Sucht kann das Ergebnis dieses enttäuschten Kampfes sein.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Sucht: Für manche Betroffene von Doppeldiagnosen ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) – entweder als Folge oder als Ursache der Abhängigkeitserkrankung – ein ständiger Begleiter. Menschen mit PTBS neigen dazu, ihre Symptome ( Schlafstörungen, Alpträume, Unruhe, Angst, Flashbacks) mit Alkohol oder Drogen zu bekämpfen. Ein hohes Risiko für eine Suchterkrankung tragen vor allem Menschen mit komplexem Trauma: Soldaten mit Kriegserlebnissen, Menschen mit wiederholten, massiven körperlichen und/oder sexuellen Gewalterlebnissen.

Psychose und Sucht: Über 40 Prozent der an Schizophrenie Erkrankten sind auch an einer Substanzkonsumstörung erkrankt, am häufigsten mit Konsum von Alkohol und Cannabis (Kessler et al 1996, Reiger et al 1990). An einer Psychose leidende Abhängige erleben starke Stimmungsschwankungen. Sie haben das Gefühl von Bedrohung, erleben Halluzinationen, Verfolgungs- oder Größenwahn.

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