Experten fordern verstärkte Anstrengungen zum Schutz der Bevölkerung vor Zeckenencephalitis

Trotz einer gestiegenen Akzeptanz der Impfung gegen die Zeckenhirnhautentzündung (Frühsommer-Meningoencephalitis, FSME) sind nach Ansicht von Experten im neuen Jahrzehnt verstärkte Anstrengungen nötig, um den Schutz der Bevölkerung vor dieser Infektionskrankheit zu verbessern. Wichtig sei vor allem, dass Grundimmunisierungen vollständig abgeschlossen und rechtzeitig aufgefrischt werden, nicht nur bei in Risikogebieten lebenden Personen, sondern auch bei Reisenden, die Risikogebiete besuchen. Bei einer Pressekonferenz des Impfstoffherstellers Novartis Behring sprachen sich die Experten zudem für die Verwendung von gut verträglichen und wirksamen Impfstoffen wie Encepur aus. Es wurde auch festgehalten, dass Impfstoffe frei von potentiell risikobehafteten Inhaltsstoffen sein sollten.

Nachholbedarf bei Impfung von Reisenden gegen FSME

Nach vorübergehendem Rückgang steigt die Zahl der FSME-Infektionen in Deutschland seit zwei Jahren wieder an – 313 Menschen waren im vergangenen Jahr daran erkrankt. Damit sich dieser Trend nicht fortsetzt, sollten Impfbemühungen und Aufklärungsarbeit weiter intensiviert werden, rät Dr. Friedrich M. Kiener, Unterschleißheim. „Immerhin sind fast 70% der Bevölkerung in Risikogebieten nicht vollständig gegen die Zeckenhirnhautentzündung geimpft“, so der Internist. Problematisch sei vor allem der relativ hohe Anteil derer, die bei der Grundimmunisierung nicht alle drei notwenigen Impfungen erhalten haben. Denn nur bei einem vollständigen Abschluss der Grundimmunisierung und bei rechtzeitiger Auffrischung besteht ein ausreichender Schutz vor der der FSME. Nach der Grundimmunisierung muss nach drei Jahren eine Auffrischung der Impfung erfolgen. Danach reicht bei Personen bis 50 Jahre eine regelmäßige Auffrischimpfung alle fünf Jahre aus. Ab 50 Jahren sollte die Impfung alle drei Jahre wiederholt werden.

Nachholbedarf gibt es laut Dr. Kiener auch bei der Impfung von Reisenden in Risikogebiete: „Die sehr niedrige Impfrate in Nichtrisikogebieten von weniger als 10% zeigt, dass dort lebende Personen nicht ausreichend gegen FSME geimpft sind, wenn sie zu Reisezielen mit FSME-Risiko aufbrechen.“ Dabei setzt sich der Trend zur weiteren Ausbreitung der FSME-Risikogebiete in Europa fort, wie Dr. Christian Schönfeld vom Tropeninstitut in Berlin feststellte. „Die Faustregel lautet: Je weiter man nach Osten kommt, desto höher das FSME-Risiko“, so Dr. Schönfeld. Risikogebiete in Europa sind neben Teilen Deutschlands und Österreichs vor allem Regionen in Ungarn, Kroatien, Slowenien, Tschechien, Slowakei, Polen, Russland und das Baltikum. In den letzten Jahren seien neue Risikogebiete hinzugekommen, wie die südlichen Landesteile in Schweden, Finnland und Norwegen, die Inseln Bornholm und Seeland, Elsass und Bordeaux in Frankreich und Gebiete in der Schweiz und Norditalien. „Unabhängig davon, ob ein Kurztrip oder ein Langzeitaufenthalt in der Natur geplant ist, können sich Reisende dort mit dem FSME-Virus infizieren und erkranken. Wenn man sich gut vorbereitet auf die Reise begeben und nicht erkranken möchte, kommt einzig und allein die vorbeugende Impfung gegen die FSME in Frage“, sagte Dr. Schönfeld.

Impfstoffe ohne Zusatzstoffe aus Blutprodukten bieten einen zusätzlichen Vorteil

Um die Akzeptanz der FSME-Impfung weiter zu erhöhen, kommt es nach Ansicht von Dr. Dr. Wolfgang Maurer vom Zentrum für Public Health, Universität Wien, entscheidend darauf an, dass der eingesetzte Impfstoff ein gutes Verträglichkeits- und Sicherheitsprofil bietet. Dazu gehört laut Maurer auch der Verzicht auf Zusatzstoffe, die potentielle Risiken mit sich bringen, wie z.B. humanes Serumalbumin (HSA). Dieses Blutprodukt stammt aus Blutspenden aus einem Pool tausender Spender und wird bei manchen Impfstoffen noch als Stabilisator eingesetzt. Obwohl humanes Serumalbumin als sicheres Plasmaprodukt gilt, können Infektionen mit neuen Infektionserregern beim Einsatz von HSA nicht völlig ausgeschlossen werden. „Mit einem HSA-freien Impfstoff erspart sich der Arzt mögliche mühevolle Diskussionen über potentielle Infektiosität eines Stabilisators, der aus Plasmaspenden gewonnen wird, die Akzeptanz wird dann eher gegeben sein“, sagte Dr. Maurer.

„Bei der Herstellung des FSME-Impfstoffs von Novartis wird auf den Zusatz von HSA verzichtet“, berichtete Dr. Eckhardt Petri vom Unternehmen Novartis Behring. Viele Ärzte in Deutschland halten dies für vorteilhaft. Das zeigt eine Umfrage unter 913 Kinder- und Jugendärzten, die das Meinungsforschungsinstitut Mefos 2009 durchgeführt hatte*. „84% der befragten Ärzte sahen in der Freiheit von HSA ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Auswahl ihres Impfstoffs gegen FSME“, berichtete Dr. Petri.

* Impfdialog 2009; 3:87-90. Umfrageergebnisse unter 913 Ärzten

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