Ernährung von männlichen Jugendlichen: zwischen Pizza und Pommes

Am 19. Mai steht ein bis dato wenig beleuchtetes Thema im Fokus eines Symposiums, initiiert vom ‚forum. ernährung heute’: Ausgehend von den aktuellen Daten zum Ess- und Kochverhalten von jungen Männern werden die Herausforderungen beim Zugang zur Zielgruppe diskutiert. Jungen Männern ist zwar die Modellierung des eigenen Körpers – auch zur Identitätsfindung – wichtig, hochwertiges Essen scheint aber gleichzeitig kein Thema zu sein. Eine der Kernfragen des Symposiums lautet daher: „Wie ist diese Zielgruppe zu erreichen?“ Im Zuge des Symposiums erarbeitet das ‚forum. ernährung heute‘ deshalb Kommunikations- und Handlungsansätze sowie Grundlagen für Pilotprojekte, die das Gesundheitshandeln innerhalb dieser Zielgruppe verbessern sollen.

Laut Österreichischem Ernährungsbericht 2008 steigt bei männlichen Jugendlichen die Tendenz zu Übergewicht und Adipositas, gleichzeitig ist das Bewusstsein für vernünftiges Essen und Ernährung nahezu kein Thema. Vor allem die Gruppe sozial schlecht gestellter junger Männer weist Defizite bei Ernährungsstatus, Ernährungswissen und gesundheitsbezogener Alltagsgestaltung auf. Die Fakten sind bedenklich und zeigen Handlungsbedarf auf: So sind zum Beispiel rund 17% der männlichen Lehrlinge übergewichtig, zusätzliche 13% adipös. „Selbst- und Fremdwahrnehmung gehen hier stark auseinander. Die Hälfte der übergewichtigen jungen Burschen gibt an, mit ihrem Körpergewicht zufrieden zu sein“, weiß Mag. Marlies Gruber, wissenschaftliche Leiterin des ‚forum. ernährung heute‘. „Ein vielversprechender Ansatz liegt darin, das Rollenbild des kochkompetenten und genussaffinen jungen Mannes – fernab von Klischees – zu stärken. Ziel des Symposiums ist es, kreative Kommunikationsansätze und Grundlagen für Pilotprojekte zu erarbeiten, um die bestehende Lücke in der Gesundheitsförderung bei der jungen Generation von Männern zu schließen. Denn klassische Strategien der Ernährungsaufklärung und Gesundheitsförderung erreichen diese Zielgruppe kaum“, so Mag. Marlies Gruber weiter.

Gendergerechte Kommunikation
In geschlechtervergleichenden Studien werden Männern höhere Risikobereitschaft und geringeres Gesundheitsbewusstsein attestiert. Junge Männer wollen möglichst viele Dinge – auch was das Essen und Trinken betrifft – ausprobieren und sich ausleben. „Gesund aussehen – gesund sein“ werden in der Zielgruppe völlig unterschiedlich wahrgenommen. Oftmals sind die äußere Erscheinung sowie ein gewisses „Männlichkeitsbild“ wichtiger als die eigene Gesundheit. Zwar zeigen männliche Jugendliche hohes Interesse an Sport, ein Vorsorgegedanke in punkto Ernährung ist jedoch nicht vorhanden. Vielen jungen Männern fehlt der Zugang zu ausgewogener Ernährung. Das liegt auch an den Rollenerwartungen und Männlichkeitskonzepten. Denn Eigenverantwortung für die Gesundheit und für den Umgang mit dem eigenen Körper hängt fast immer mit geschlechtsspezifischer Sozialisation zusammen. Die Strukturen und Herangehensweisen der Gesundheitsaufklärung werden daher weg vom „geschlechtslosen Wesen“ hin zu gendergerechter Kommunikation gehen müssen, im Rahmen derer „die Männer“ als heterogene Gruppen zu verstehen sind.

Ausschlaggebend dabei ist neben dem passenden Inhalt auch die Wahl des Kommunikationskanals. Ferner sind der kulturelle Hintergrund sowie die Zugehörigkeit zu Lebensstilen und Szenen entscheidend: Studien im deutschsprachigen Raum zeigen, dass sich mehr als 85% der Jugendlichen zumindest einer Szene zugehörig fühlen. Auch bei der Vermittlung von ernährungs- und gesundheitsrelevanten Themen sind diese Lebensstilgruppierungen ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Die Verwendung von Symbolen, Codes und Rollen-Vorbildern birgt hier Potenzial für Sensibilisierung und Akzeptanz.

Kochen als lustvolle Entdeckung
Experten sehen in der aktiven Auseinandersetzung mit Essbarem einen Ansatzpunkt für neue kulinarische Erfahrungen. „Gemeinsam mit dem Vater, der Familie oder mit Freunden – und zwar freiwillig – zu kochen wird als positives Erlebnis wahrgenommen“, erklärt Marlies Gruber. Trotz des immer größer werdenden Angebots von Convenience-Produkten wird das Kochen nicht untergehen. Vielmehr wird es sich zum lustvollen Genusskochen wandeln, also zum bewusst sinnlichen Umgang mit Lebensmitteln. „Wer Qualitäten erkennt und weiß, was einem gut tut, kann auch im Dschungel der Überflussgesellschaft die individuell bessere – und auch gesündere – Wahl treffen“, so Gruber. Um junge Männer für eine Beschäftigung mit Lebensmitteln und dem Kochen zu begeistern, muss daher eine Brücke zwischen „Kochen als Muss“ und „Kochen als Lust“ gebaut werden.
Dass dies mehr denn je nötig sein wird, weisen wesentliche gesellschaftliche Trends auf: Individualisierung, Emanzipation und neue Arbeitsverhältnisse der Frauen leiten Männer an den Herd. Die Entwicklung hin zu einer schnellen und unaufwändigen Alltagsküche, die weniger Zeitaufwand und Know-how erfordert, vereinfacht das Kochen per se und macht es schließlich auch für Männer attraktiver.

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